Die Geschichte des Vereines...

Turnen und Politik ließen sich nicht trennen



Der SV Bonlanden feierte 1995 als erster sporttreibender Verein Filderstadts sein hundertjähriges Bestehen. Hundert Jahre Vereinsgeschichte bedeuten jedoch nicht nur hundert Jahre Sport treiben. Innerhalb eines Jahrhunderts mussten auch zeitgeschichtliche Probleme bewältigt werden: der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die nationalgeschichtliche Diktatur.
Bevor die Geschichte des SV Bonlanden dargestellt wird, soll der nun folgende Abschnitt einen kurzen Einblick in die Entwicklung der deutschen Turn- und Sportbewegung geben.



Die Anfänge des Turnens



Als Begründer der Turnbewegung gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Er ist auch unter dem Namen "Turnvater" bekannt. Doch schon vor ihm hatte der deutsche Turnlehrer Guts Muts (1759-1839) Pionierarbeit im Bereich der Leibesübungen geleistet. Letzterer gilt als Turn- und Erzvater der Turnkunst. Sein Bekanntheitsgrad blieb jedoch im wesentlichen auf den Turnunterricht begrenzt. Erst die Arbeit von Jahn, einige Jahrzehnte später, wurde das Turnen von Berlin ausgehend für die Bevölkerung Deutschlands zugänglich gemacht. Jahn beabsichtigte vor allem die Körper der Jugend zu kräftigen, um sie für den Krieg einsatzfähig zu machen. Gehen, Laufen, Springen, Werfen, Tragen waren Grundübungen, daneben empfahl er noch Aktivitäten wie Klettern, Schwimmen, Schießen, Fechten und Reiten.
1811 eröffnete Jahn den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin. Fünf Jahre später wurde in Hamburg der erste Turnverein gegründet.



Turnen und die Revolution



Das Turnen wurde jedoch schon bald ein Opfer der Politik. Preußen verhängte 1819/20 die sogenannte Turnsperre, der sich andere deutsche Staaten anschlossen. Man sah in den Turnern eine Gefahr, da sie sich auch als eine politische Gewalt gegen die Kleinstaaterei verstanden. Selbst Turnvater Jahn verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis. Nach Ende der Turnsperre kam es zu einem neuen Aufschwung der Turnbewegung, die vor allem vom Kleinbürgertum ausging. Die Turner blieben ihrem Ruf treu. Sie widmeten sich in den meisten Turnvereinen nicht nur den Leibesübungen, sondern politische Aktivitäten bestimmten den Charakter der Vereine. Besonders im Südwesten waren starke liberale und radikale Strömungen vorzufinden. An der gescheiterten Revolution von 1848/49 war so mancher Turner beteiligt. Einige mussten in dieser Zeit ins benachbarte Ausland oder nach Übersee fliehen, wo sie sich vereinzelt erneut dem Turnwesen zuwandten. So entstand zum Beispiel ab 1848 in Nordamerika eine Vielzahl von Turnvereinen, die noch heute bestehen.



Arbeiter gegen Bürger



Nachdem die unruhigen Jahre überstanden waren, wurde 1868, noch drei Jahre vor der Gründung des Deutschen Reiches, von den Turnern der Gesamtdeutsche Turnerbund (DT) in Leben gerufen. 1893 spalteten sich die sozialistisch gesinnten Arbeiterturner aus Protest gegenüber dem Wilhelmschen Staat und dem immer reaktionärer werdenden DT, der das bürgerliche Turnen vertrat, ab. Ihre Dachorganisation war der Arbeiter-Turner-Bund (ATB). Letzterer konnte sich jedoch erst in der Weimarer Republik richtig entfalten. Allerdings spaltete sich der Arbeitersport in einen sozialdemokratischen und sozialistischen Zweig auf.



Sport im Vormarsch



Bisher wurde nur vom Turnen gesprochen. Was aber ist mit dem Sport? Der Sport, wie zum Beispiel die Sportspiele, fand von der damaligen Weltmacht England ausgehend Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland seine Verbreitung. Er stand im Kontrast zum deutschen Turnen, konnte sich aber in allen Schichten der Bevölkerung durchsetzen und durchbrach ab der Jahrhundertwende das Monopol der DT auf Leibesübungen.



Die Gleichschaltung



Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur wurden sämtliche Sportorganisationen , bürgerlicher und Arbeitersport sowie der Gesamtdeutsche Turnerbund, im Zuge der Gleichschaltung aufgelöst und der Sport in den Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert.



Der Deutsche Sportbund



Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1950 der Deutsche Sportbund (DSB) ins Leben gerufen. Ihm unterstehen seither die sporttreibenden Vereine und Verbände.



Arbeiterturnen auf den Fildern



Die Gründung der Turn- und Sportvereine auf den Fildern fällt in eine Zeit, in der sich das Gedankengut der Arbeiterturnbewegung immer mehr verbreitete. Das Ziel dieser internationalen Bewegung lag weniger in der Steigerung der körperlichen Leistungen. Ihre Anhänger betonten besonders die geistige und körperliche Erziehung im kulturellen Kontext sowie das Solidaritätsgefühl der Proletarier. Auch der damalige Bonländer Turnverein gehörte ab 1912, wohl durch die rasche Zunahme des Arbeiteranteils an der Bevölkerung des Ortes, dieser Bewegung an. In Bonlanden wurde sie schon vor dem Beitritt zum ATB von traditionellen Kräften misstrauisch beobachtet. So kritisierte die Kirche den Verein: "Die Arbeiter freilich sind(...), soweit sie in dem Arbeiterturnverein gesammelt sind, für die kirchliche Arbeit so gut als unzugänglich."



Arbeiterolympiade



In seinen ersten Jahrzehnten hat der Verein an einigen Aktivitäten der Arbeitersportbewegung teilgenommen. Das wohl größte Ereignis war die Teilnahme an der ersten Arbeiterolympiade in Frankfurt im Jahre 1925. An dieser sind 13 Nationen gestartet. Diese Olympiade beinhaltete Wettkämpfe ohne Medaillen und ohne Nationenwertung. Sie demonstrierte vielmehr das gestärkte Selbstbewusstsein der Arbeiter gegenüber dem Bürgertum.



Bonlanden 1895



Dieser Abriss durch die Turngeschichte soll genügen. Wenden wir und nun dem Gründungsjahr der ersten Bonländer Turnvereins zu: 1895. Wir versetzen uns dazu kurz in das Bonlanden wenige Jahre vor der Jahrhundertwende. Das zur damaligen Zeit schon über 600 Jahre alte Dorf zählte 1.324 Seelen. Fast zwei Drittel der Bevölkerung waren in der Landwirtschaft beschäftigt. Ein weiteres Drittel gehörte dem produzierenden Gewerbe an, unter dem so manches heute ausgestorbene Handwerk, wie zum Beispiel Seifensieder, Steinhauer, Bürstenbinder, vorzufinden war.



Turnen und Vergnügen



Irgendwann in einer lauen Sommernacht verspürte eine kleine Gruppe von jungen Männern der Drang, sich in ihrer freien Zeit gemeinsam mit Freunden sportlich zu betätigen und sich anschließend im Gasthaus zu vergnügen. So kam es, dass am 4. August 1895 im Gasthaus Hirsch sich eine Gruppe Bonländer traf und einen Turnverein gründete. Die Kirche nahm, wie bereits erwähnt, schon bald Anstoß an dem turnerischen Geschehen im Ort. Als einen "Wolf in Schafskleidern" bezeichnete der Dekan im Pfarrbericht von 1900 den Turnverein.

 

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